Krisen- und Insolvenzticker – Schleppender Absatz: VW drosselt Produktion von E-Autos in Emden.



Die deutsche Wirtschaft kriselt. Unter dem Druck dramatisch steigender Energiekosten und anderer ungünstiger Rahmenbedingungen sind seit 2022 tausende Unternehmen insolvent gegangen. Wir fassen in diesem Ticker die wichtigsten Entwicklungen und Neuigkeiten zusammen.

„Vehemente Kundenzurückhaltung“: VW drosselt Produktion von E-Autos

Der Autohersteller Volkswagen drosselt nach Angaben des Betriebsrates in seinem Werk in Emden die Produktion von E-Autos. Grund sei der schwächelnde Absatz dieser Fahrzeuge. Betriebsratschef Manfred Wulff erklärte gegenüber dem zum Werbekonzern Ströer gehörenden Nachrichtenportal T-Online, dass in den kommenden zwei Wochen bis zum Beginn der Werksferien die Spätschicht bei der Fertigung des Kompakt-SUV ID.4 und bei den ersten Modellen der neuen Elektro-Limousine ID.7 gestrichen werde. Er bestätigte damit einen Bericht der Nordwest-Zeitung.

Darüber hinaus sollen die dreiwöchigen Werksferien für die Beschäftigten im E-Segment um eine Woche verlängert werden. Zudem werden etwa 300 der gegenwärtig 1.500 Leiharbeiter in Emden ab August nicht weiterbeschäftigt. Die Produktion von Verbrennermodellen ist nicht betroffen und läuft unverändert weiter.

VW äußerte gegenüber der Nordwest-Zeitung die Erwartung, dass es sich nur um eine vorübergehende Maßnahme handle: 

„Wir sind zuversichtlich, dass die Auslastung des Werks mit der Markteinführung des ID.7 Ende des Jahres wieder steigt.“

Betriebsratschef Wulff nannte die Kundenzurückhaltung bei E-Autos gegenüber T-Online „vehement“. Die Nachfrage liege fast 30 Prozent unter den ursprünglich geplanten Produktionszahlen; die Verunsicherung bei den Kunden sei groß. Die Nachricht der Schichtkürzung habe bei der Belegschaft in Emden für Ernüchterung gesorgt.

Geschäftsklimaindex des ifo-Instituts: Pessimismus in allen Branchen

Der Geschäftsklimaindex des ifo-Instituts ist im Juni 91,5 Punkten im Mai auf 88,5 Punkte gefallen. Das ifo-Geschäftsklima basiert auf den monatlichen Einschätzungen der gegenwärtigen Geschäftslage und der Erwartungen für die nächsten sechs Monate von etwa 9.000 des Verarbeitenden Gewerbes, des Dienstleistungssektors, des Handels und des Bauhauptgewerbes.

Laut dem ifo-Bericht fielen die Erwartungen im Juni deutlich pessimistischer aus. Die Erwartungen im Verarbeitenden Gewerbe gaben deutlich nach und fielen auf den niedrigsten Stand seit November 2022. Auch die aktuelle Lage wurde schlechter beurteilt. Viele Unternehmen beurteilen ihren Auftragsbestand als zu niedrig.

Unternehmen im Dienstleistungssektor waren ebenfalls unzufriedener mit der aktuellen Lage. Die Erwartungen fielen deutlich pessimistischer aus. Transport und Logistik sind von der negativen Entwicklung in der Industrie besonders betroffen.

Die Erwartungen des Handels verbesserten sich minimal, bleiben aber von großem Pessimismus geprägt. Die Unternehmen des Bauhauptgewerbes waren mit ihrer aktuellen Lage etwas weniger zufrieden. Der Ausblick auf die kommenden Monate verschlechterte sich.

Römertopf ist insolvent

Der bekannte Hersteller des Tonbräters aus Rheinland-Pfalz ist zahlungsunfähig. Das Unternehmen Römertopf Keramik aus dem reichte einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren beim Amtsgericht Montabaur ein, wie aus veröffentlichten Unterlagen hervorgeht.

Mehr als 50 Millionen Mal hatte sich der sogenannte Römertopf seit den 1970er Jahren verkauft. Das Unternehmen habe nach sehr guten Entwicklungen in den Jahren 2017 bis 2021 seit der Eskalation im Ukraine-Konflikt einen starken Umsatzrückgang verzeichnet, sagte Geschäftsführer Frank Gentejohann der Wirtschaftswoche.

Hinzu kämen Kostenexplosionen bei Energie, Rohstoffen, Löhnen und Produktionsmitteln. Die Produktion in Deutschland werde wohl schließen, die 44 Mitarbeiter in Ransbach seien noch für drei Monate beschäftigt.

Chemieindustrie droht mit Abwanderung

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat vor einer Abwanderung der Branche aus der Bundesrepublik Deutschland gewarnt. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup erklärte gegenüber den den Partnerzeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft:

„Wir beobachten eine schleichende Deindustrialisierung.“

Unternehmen investierten noch, um ihre Anlagen zu erhalten, tätigten aber keine neuen Investitionen mehr:

„Unsere Branche tut sich derzeit sehr schwer, an eine Zukunft des Standortes Deutschland zu glauben, es fehlt an internationaler Wettbewerbsfähigkeit.“

Der Verbandschef warnte vor den Folgen einer Abwanderung von Firmen seiner Branche:

„Wenn wir anfangen, den Anfang der Wertschöpfungskette abzugeben, dann werden die Automobilindustrie und andere irgendwann folgen.“

Ursache für die schwierige Situation seien vor allem die hohen Energiepreise. Der Verbandsvertreter fordert deshalb einen vergünstigten Industriestrompreis.

Auftragsrückgang im Baugewerbe

Das deutsche Bauhauptgewerbe hat weniger Aufträge verzeichnet. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag mitteilte, sank im April gegenüber dem Vormonat der Auftragseingang kalender- und saisonbereinigt um 1,3 Prozent.

Im Vergleich zum April 2022 fiel der reale Auftragseingang um 10,3 Prozent. Nominal lag er im April 2023 mit einem Volumen von 8,0 Milliarden Euro trotz der deutlich gestiegenen Baupreise nur 1,2 Prozent über dem Vorjahresniveau.

In den ersten vier Monaten des Jahres 2023 sanken die Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe gegenüber dem Vorjahr kalender- und preisbereinigt um 16,9 Prozent, nominal um 4,2 Prozent. Der reale Umsatz im Bauhauptgewerbe ist im April 2023 gegenüber dem Vorjahresmonat um 10,8 Prozent zurückgegangen.

Photovoltaik-Hersteller Meyer Burger: Subventionen oder keine neuen Investitionen

Der Schweizer Hersteller von Photovoltaikmodulen Meyer Burger droht, den Ausbau seiner Produktionskapazitäten in Deutschland abzubrechen und seine Investitionen stattdessen auf die USA zu konzentrieren.

Gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Capital verwies Unternehmenschef Gunter Erfurt auf das Förderprogramm der US-Regierung, den Inflation Reduction Act, und stellte die rhetorische Frage, warum ein Unternehmen in Deutschland investieren sollte, wenn die staatliche Unterstützung so viel geringer ausfalle als in den USA.

„Das ist keine Drohung. Das ist Realwirtschaft.“

Weniger nach Drohung als nach Erpressung klingt wiederum Erfurts Ankündigung, dass es technisch möglich sei, die Maschinen, die für den Ausbau der Zellproduktion im sächsischen Thalheim geplant sind, in den USA aufzubauen.

Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen aktuell 1.445 Beschäftigte, davon etwa 560 in Freiberg im Landkreis Mittelsachsen, 370 in Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt und 320 in Hohenstein-Ernstthal im Landkreis Zwickau. Im Jahr 2021 machte die deutsche Tochter des Unternehmens etwa 51,3 Millionen Euro Umsatz – ein Verlust von 11,1 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr.

Autozulieferer Allgaier ist insolvent

Das baden-württembergische Unternehmen Allgaier Werke wird bereits über einen Insolvenzverwalter geleitet.

Das Unternehmen mit Sitz in Uhingen östlich von Stuttgart galt als Spezialist für Karosserie- und Sonderwerkzeugbau sowie für Presswerke und Tanksysteme. Das Unternehmen führt weltweit rund 1.700 Mitarbeiter. Seit dem Sommer 2022 war die chinesische Westron Group Mehrheitsgesellschafter bei Allgaier geworden. Dies sollte vor allem der Stabilisierung der beiden Geschäftsbereiche Automotive und Process Technology dienen.

Als Gründe für den finalen Niedergang werden „die Coronapandemie, Rohstoffengpässe und der Krieg Russlands gegen die Ukraine“ genannt, so die WirtschaftsWoche berichtend.

Privilegiert: Intel bekommt für neue Chip-Fabrik in Magdeburg günstige Strompreise, die es sonst in Deutschland nicht mehr gibt

Hat gut lachen: Intel-Chef Pat Gelsinger – mit dunkler Sonnenbrille – bei seiner Ankunft am Bundeskanzleramt vor der Unterzeichnung der Vereinbarung über 9,9 Milliarden Euro,

Ohne staatliche Garantien für billigen Strom würde die neue Intel-Fabrik in Magdeburg auf der Kippe stehen. Während viele Klein- und mittelständische Betriebe wegen des Kostendrucks bei Energie und Rohstoffen aufgeben müssen und große deutsche Industrieunternehmen über eine Produktionsverlagerung nach China und/oder in die USA nachdenken, machen die deutschen Bundesländer große Zugeständnisse, wenn es um die Ansiedlung von US-Konzernen geht. Subventionen und konzernfreundliche Rechtsprechung eingeschlossen – siehe die Förderung der Tesla-Autofabrik in Brandenburg, die mitten in einen Kiefernforst gesetzt wurde (RT DE berichtete).

Ein anderer US-Konzern, der Computerchip-Hersteller Intel, plant den Bau einer Produktionsstätte in Magdeburg. Presseberichten zufolge verlangt das US-Unternehmen für sein neues Werk in Sachsen-Anhalt nun derart günstige Strompreise, die es auf dem Markt für Industriestrom in Deutschland aber gar nicht mehr gibt. Die angespannte Lage auf dem sogenannten Strommarkt ist, was verfügbare Mengen und Preise angeht, eine direkte Folge der „Energiewende“.

Wie die Deutschen Wirtschaftsnachrichten schreiben, hat die Bundesregierung Intel weitere Zugeständnisse gemacht. Unter Berufung auf den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), spricht das Portal davon, dass Absprachen hinsichtlich des Strompreises getroffen worden seien. Man erarbeite ein Konzept für „wettbewerbsfähigen Industriestrom“. Darauf habe man sich zuvor mit Unternehmen und einer Arbeitsgruppe im Kanzleramt verständigt.

Der US-Konzern, der in Magdeburg investieren will, stünde gegenwärtig in Verhandlungen mit einem lokalen Energieversorger. Intel verlange angeblich einen Festpreis von 10 Cent pro Kilowattstunde – und eine Preisgarantie für 20 Jahre. Presseberichten zufolge sei für den Fall von Preissteigerungen vereinbart, dass Intel und die Bundesregierung verhandeln werden, um die Kostenbelastungen für Intel abzufedern.

Von einer derart privilegierten Gestaltung der Tarife für den benötigten Industriestrom können andere Unternehmen nicht profitieren. Die faktische Subventionierung durch den Steuerzahler schafft für Intel auch bei den Stromkosten Sonderkonditionen. Die Strompreise in Deutschland – nicht nur für Privatkunden, sondern auch für Gewerbe und Industrie – zählen zu den höchsten in allen Industrieländern, bedingt durch Klima-Abgaben und die Ausgaben für die „Energiewende“. Am vergangenen Montag haben die Bundesregierung und Intel eine Vereinbarung fixiert, in der staatliche Subventionen in Höhe von 9,9 Milliarden Euro für die neue Chip-Fabrik zugesagt werden.

Traditionsmarke „Weck“: Gestiegene Energie- und Rohstoffpreise – Glashersteller muss Insolvenz anmelden

Nach einem Bericht der WirtschaftsWoche musste ein weiteres deutsches Traditionsunternehmen Insolvenz anmelden. Der Glashersteller J. Weck GmbH u. Co KG, seit über hundert Jahren bekannt durch seine Einmachgläser, ist in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Das Unternehmen, das im südbadischen Wehr an der Schweizer Grenze seinen Sitz hat und zu dem auch ein Glaswerk in Bonn-Duisdorf gehört, sieht sich seit den letzten Monaten einem enormen Kostendruck ausgesetzt.

Durch das Amtsgericht Karlsruhe wurde nun ein Insolvenzverwalter eingesetzt. Dessen Aufgabe bestünde jetzt darin, „den Geschäftsbetrieb zu stabilisieren und die Vorfinanzierung des Insolvenzgelds für die Mitarbeiter zu organisieren“, meldet die WirtschaftsWoche. Um den traditionsreichen Betrieb weiterführen zu können, müssten die Kosten gesenkt werden. Wie viele Arbeitsplätze möglicherweise abgebaut werden müssen, sei gegenwärtig noch unklar.

Die Firma blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück und hat den Alltag vieler Generationen in Deutschland geprägt. Aus dem Firmennamen leitet sich der Begriff des „Einweckens“ – das Haltbarmachen durch Einkochen und die Aufbewahrung in den charakteristischen Gläsern – ab. Das „Weckglas“ dürfte eines der ersten Markenprodukte für den Massenkonsum gewesen sein. Zwar bedeutete die weite Verbreitung von Kühlschränken und Tiefkühlgeräten ab den 1950er Jahren einen Einschnitt für den Absatz von Einmachgläsern, doch dem Unternehmen gelang eine Diversifizierung der Produktpalette. Weck erschloss für sich auch den Verpackungsmarkt – und belieferte so u.a. die Lebensmittelindustrie mit Konservengläsern. Zwischenzeitlich wurden sogar Glasbausteine produziert. Hinzugekommen sind seither auch Flaschen für die Getränkeindustrie und andere Spezialgläser, beispielsweise Teelichthülsen und Kerzengläser.

Zwar hätte laut dem Geschäftsbericht für 2021 der Umsatz bei Verpackungsglas um zwei Prozent, bei Haushaltskonservenglas sogar um 16 Prozent gesteigert werden können. Doch die Kostensteigerungen für Energie und Rohstoffe machten dem Unternehmen offenbar zu schaffen. Das Glaswerk in Bonn-Duisdorf arbeite defizitär. Die WirtschaftsWoche zitiert aus dem Geschäftsbericht für 2021, der vor politikbedingt steigenden Kosten warnte, weil „ein zumindest temporärer Ausfall wichtiger Förderländer von Öl und Gas aus politischen Gründen Realität ist“.

Zinssatz bei fast acht Prozent: Zahl der KfW-Studienkredite bricht ein

Die Zahl der Studienkredite in der Bundesrepublik ist drastisch eingebrochen: Laut einer Auswertung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), die dem Handelsblatt vorliegt, sank die Zahl der Neuverträge 2022 auf einen Tiefstand von 24.000, 2014 waren es noch fast 60.000. Das CHE, das sich hauptsächlich durch die Bertelsmann-Stiftung und andere Kooperationspartner finanziert, befasst sich unter anderem mit der Entwicklung des deutschen Hochschulsystems.

Laut Ulrich Müller, Mitglied der CHE-Geschäftsleitung, könne man hier „gerade in Zeitlupe einem Markt beim Kollabieren zuschauen“. Grund sei in erster Linie die mangelnde Attraktivität des Angebots der bundeseigenen Förderbank KfW, die den Markt seit Jahren dominiere. Bereits 2022 war die Zahl der KfW-Studienkredite um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Hinzu kommt, dass Interessenten aktuell mit einem effektiven Jahreszinssatz von fast acht Prozent rechnen müssen. „Damit ist die Schmerzgrenze nun deutlich überschritten“, so Müller. Auch von den Studenten kommt massive Kritik: So sagte der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Studentenwerks, Matthias Anbuhl, kürzlich im Bundestag:

„Der Zinssatz beim KfW-Studienkredit ist nun doppelt so teuer wie Immobilienkredite. Das ist ein handfester sozialpolitischer Skandal und ein fatales Signal an die Studenten.“

Damit stellt sich die Frage, wie lange der KfW-Studienkredit noch zukunftsfähig sein wird. Für viele Studenten könnte ein Abbruch des Studiums die Folge sein. Nach der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks mussten zuletzt 37 Prozent der Studenten mit weniger als 800 EUR im Monat auskommen.

Die KfW verweist hingegen darauf, dass sie den Kredit aus eigenen Mitteln finanziere und dabei „kostendeckend“ arbeiten müsse. Der Zins orientiere sich am allgemeinen Zinsniveau, welches stark angestiegen sei. Der Kredit sei zudem nur ein „Finanzierungsbaustein“ und solle Kosten abdecken, die nach BAföG, Familie und Nebenjob blieben, so die KfW. Laut CHE sind rund 85 Prozent der Studenten „komplett abhängig von den Eltern, dem Partner oder einem Nebenjob“, nur ein Bruchteil beansprucht finanzielle Hilfen. 2,2 Prozent nutzen demnach einen Kredit, zwei Prozent ein Stipendium und elf Prozent bekommen BAföG.

Veröffentlicht von Schuchart.S.

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